Eine Grenze – zwei Welten
Eine Reflexion über das europäische Asylsystem
Jeden Tag und jede Nacht versuchen Menschen auf der Flucht, in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft, Grenzen zu überqueren. Ein Beispiel dafür ist die französisch-italienische Grenze bei Briançon in den Alpen. Am Tag ist Briançon ein touristisches kleines Alpenstädtchen mit Skigebieten und beschaulicher Altstadt. Im Winter kommen Tourist:innen aus allen Teilen Frankreichs und befahren die vielen Skipisten. In der Nacht versuchen Menschen unbemerkt, von Italien nach Frankreich zu gelangen. Auch die Grenzwache ist in den Bergen unterwegs und falls sie Menschen ohne Papiere antreffen, bringen sie sie wieder nach Italien zurück. Dies wird Pushback genannt. Die Geschehnisse in Briançon sind keine Einzelfälle. Von vielen Grenzen zu Europa werden die gleichen Geschichten erzählt und die gleichen Bilder gezeigt und während die Grenze für alle mit dem entsprechenden Pass nur auf dem Papier existiert, wird versucht, die ohne die richtigen Papiere mit allen Mitteln draussen zu behalten.
Doch etwas macht die französisch-italienische Grenze in den Alpen besonders: Seit der Gründung der EU und des Schengen-Raums sollte sie keine Grenze mehr sein. Der Schengen-Raum wurde mit dem Ziel erschaffen, ein Gebiet ohne interne Grenzen zu bilden, in dem sich Bürger:innen der EU und gewisse Nicht-EU Bürger:innen frei bewegen können, ohne Grenzkontrollen unterworfen zu werden. Während also die Grenze für alle mit dem entsprechenden Pass nur auf dem Papier existiert, wird versucht, die ohne die richtigen Papiere mit allen Mitteln draussen zu behalten.
Um ein möglichst vollständiges und authentisches Bild von der Situation an der Grenze wiedergeben zu können, verbrachte ich zwei Wochen in Briançon. Während dieser Zeit führte ich viele Gespräche und hörte zu. Ausserdem führte ich zwei Interviews mit Angehörigen von Solidaritätsnetzwerken. Zu den gesammelten Erfahrungen und Informationen verfasste ich Texte und gestaltete Linolschnitte, um sie in einem Buch einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Das Buch ist in eine Rahmenhandlung gesetzt, in der ich aus meiner Perspektive erzähle, was ich in Briançon erlebt habe. Es beginnt damit, wie ich in Briançon ankomme, und endet mit meiner Abfahrt zwei Wochen später. Dazwischen thematisiere ich Fragen und skizziere Antworten, die mich vor, während und nach meiner Zeit dort beschäftigt haben. Von all meinen Fragen wählte ich zehn aus, die das Buch in zehn Kapitel gliedern. Dabei war mir wichtig, dass die Texte und Bilder keine abschliessenden Erklärungen und Antworten darstellen, sondern zum weiteren Nachdenken anregen.

Nachfolgend einige Auszüge daraus:
Wir sind in der Nacht in den Bergen unterwegs, nahe der Grenze. Dort treffen wir zwei Männer aus dem Iran. Der eine ist seit drei Tagen auf der Flucht, der andere seit drei Jahren.
Wenn es Frühling wird und das Eis schmilzt, kommen diejenigen zum Vorschein, die es nicht über die Grenze geschafft haben.
Zwischen 2016 und 2021 sind laut den solidarischen Strukturen in Briançon fünf Personen während der Grenzüberquerung von Claviere nach Briançon verstorben. Drei werden vermisst, ein Dutzend sind schwer verunglückt und Hunderte verletzten sich in unterschiedlichem Ausmass.
Nachdem ich nun gesehen habe, was in der Nacht auf dem Pass bei Montgenèvre passiert, fällt mir der Widerspruch, den Briançon darstellt, umso stärker auf: Auf den gleichen Pisten, auf denen die Menschen auf der Flucht in der Nacht mit schlechter Ausrüstung entlangwandern, fahren am Tag Tourist:innen herunter in ihrer teuren Skiausrüstung. Auf den gleichen Wegen, auf denen die Menschen auf der Flucht von der Polizei angehalten und kontrolliert werden, unternehmen die Tourist:innen ihre Verdauungsspaziergänge und geniessen die schöne Aussicht. Die gleiche Grenze, die die Menschen auf der Flucht in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft passieren, überschreiten andere, um italienische Spezialitäten zu kaufen. Der Kontrast ist riesig.

Einmal sind wir nach Italien gefahren, um die Schuhe wieder zurückzubringen. Ganz einfach passierten wir die Grenze. Die Schuhe brachten wir ins Refugio in Claviere, ähnlich wie das Refuge in Briançon. Dort gibt es warmes Essen und warme Kleider und Platz zum Ausruhen und eben diese Winterschuhe, die ausgeliehen werden können für die Grenzüberquerung. Die Schuhe gehen wieder zurück über die Grenze nach Italien und die Menschen gehen weiter.
