Graffiti

Graffiti

Mein Name ist Elektra Zogg und ich schreibe schon lange eigene Texte. Am liebsten schreibe ich Liedtexte, was man teilweise auch in meinem Schreibstil wiedererkennt. Auch in der folgenden Geschichte «Graffiti» habe ich Verse eingebaut. Ich reime schon seit früher Kindheit, meine ersten Gedichte schrieb ich mit acht Jahren. Geschichten erfinden und aufschreiben tat ich schon viel früher, ich füllte Ringbücher und Notizblöcke mit meiner krakeligen Handschrift. Heute finde ich nicht oft die Zeit zum Schreiben und bin immer auch froh, wenn ich in der Schule die Möglichkeit dazu bekomme. «Graffiti» entstand als Kurzkrimi, wobei ich die Themenvorgabe bis aufs letzte ausgereizt habe!

Graffiti

Iyan
Drei Uhr morgens. Wie immer. Um vier Uhr fährt die erste U-Bahn nach Downtown, dann machen sich die ersten Leute auf den Weg zur Arbeit. Um fünf fährt der Zug, in dessen vierten Waggon sie einsteigt und sich an das zweite Fenster rechts setzt. Für gewöhnlich zieht sie das zierliche Buch mit dem mattblauen Umschlag hervor, doch ob sie darin liest oder ihre Gedanken aufschreibt, bleibt mir verborgen, denn der schwarze Schlund des Tunnels verschluckt sie mitsamt der U-Bahn, noch ehe ich dem erleuchteten Fenster mit den Augen folgen kann.
Wie jeden Morgen füge ich meinem Werk an der grauen Tunnelwand der Metrolinie mit gezielten Schlenkern der Spraydose neue Elemente hinzu, gestern war es ein Eisvogel, Federn gespreizt, bereit sich vom Boden abzustossen, heute der Schädel eines Tigers, dunkle Augenhöhlen, aus denen Lavendel der gerundeten Betondecke zuwächst. Ich arbeite mit Gasmaske, die Kapuze meines Hoodies tief ins Gesicht gezogen, um unerkannt zu bleiben. Die Polizei war auch schon hier. Sachbeschädigung, sagen sie. Es gibt nur wenige Leute, die meiner Kunst mit Respekt begegnen wie das Mädchen mit dem blauen Buch. Neunzehn soll sie sein, zwei Jahre älter als ich. Lange, glänzend schwarze Haare, Lippen wie die Blätter einer Rose. Jeden Tag um fünf beobachte ich sie, wie sie mit ihren nachtschwarzen Augen eingehend mein Kunstwerk betrachtet und sich umsieht, bevor sie den anderen Leuten in den Zug folgt.

Emmylou
Ein weiterer Schultag wie jeder andere. Um sechs Uhr beginnt die erste Lesung an der Universität, ich trete an den Bahnsteig, kalte Luft kriecht an meinem Schal vorbei in meinen Nacken. Meine klammen Finger tief in den Jackentaschen vergraben, beobachte ich, wie mein Atem weisse Wölkchen bildet. Der Zug sollte schon hier sein, denke ich, als mein Blick auf das Graffiti an der hinteren Wand fällt. Der mächtige Schädel eines Raubtieres ziert das Bild, Fangzähne so lange wie der Unterarm eines ausgewachsenen Mannes. Wer wohl der Künstler sein mag? Jeden Morgen finde ich ein neues Bruchstück seines Seins an der kargen Betonwand, schwungvoll und doch so detailgetreu.
Während mich meine Füsse wie von selbst in das beheizte Zugabteil tragen, frage ich mich, was wohl aus ihm werden wird. Meine grosse Schwester ist Polizistin, beschäftigt sich momentan mit eben diesem Fall von Sachbeschädigung, doch der Täter bleibt unauffindbar. Er trägt eine Schutzmaske und hinterlässt nichts als die Kunstwerke an der Wand, verschwindet in den Schatten, falls er doch einmal entdeckt wird. Die U- Bahn setzt sich in Bewegung, ich taste in meiner Tasche nach meinem Notizbuch. Und was ist los mit mir? Entwickle ich Gefühle für den fremden Strassenkünstler, händeringend auf Neuigkeiten von meiner Schwester hoffend? Meine Finger streifen den glatten Umschlag meines Buches. Vorsichtig ziehe ich es zwischen Agenda, Block und Computer hervor, krame nach einem Stift. Feine, graue Linien ziehen sich über die Seiten, auf denen Reime wie von selbst erscheinen:

Welch anmutige Seele du hast
An der Wand mit der Zeit verblasst
Hinterlässt du Scherben deines Ichs
Während meines langsam zerbricht
Ein Rätsel aus glänzender Farbe
Das niemand zu lösen wagte
Ich nehme mich seiner an
Wohlwissend das auch ich es nicht lösen kann

Iyan
Eine weisse Rose, blutige Dornen. Ich spraye einfach was mir passend erscheint, die Zusammenhänge könnte ich nicht erklären. Schneeweiss, Moosgrün, Tiefrot. Schwarz für die Aussenlinie und Schatten. Kopfhörer auf, die Spraydose liegt kühl und schwer in meiner Hand. Ich ziehe die Maske hoch und beginne mit einer leichten Skizze, nur wenig Farbe an einem Ort, nicht zu dicht. Einen Schritt zurück, betrachte die ersten Proportionen des heutigen Graffitis. Zufrieden beginne ich mit den Blütenblättern der Rose, diejenigen näher am Stiel und somit auch den Dornen näher, blutbeschmiert.

Emmylou
Glieder aus Blei schleppe ich mich den Gängen entlang, zum Bahnsteig. Eine Vorlesung an der Uni, eine Stunde früher als sonst. Was ich heute wohl Neues an der Wand hinter den Gleisen entdecken werde? Links um die Ecke, der Raum öffnet sich zur Halle, in der die Metro jeden Morgen innehält, ihre Türen für uns öffnet und wieder schliesst. Und da steht er. Rücken zu mir gewandt, Kopfhörer auf, grauer Kapuzenpullover. Die Zeit scheint still zu stehen. Eine tiefe Ruhe erfüllt mich, fliesst durch meine Adern wie warme Spätsommersonne. Ein Gefühl, als hätte ich etwas lange Verlorenes wiedergefunden, jedoch könnte es zerbrechen, wenn ich auch nur zu tief einatme. Das Geräusch eines sich ratternd nähernden Zuges trifft mich wie ein Tritt in den Magen.

Iyan
Fast fertig, noch den Stiel und die Dornen etwas ausarbeiten, ich bin noch nicht ganz zufrieden damit, wie Licht und Schatten wirken. Hier ein Dorn etwas dunkler, da fängt ein Tropfen Blut das Licht der Umgebung ein. Die Schreie eines Mädchens, scharf wie Glassplitter, dringen durch die Musik in meine Ohren. Und da steht sie. Entsetzen spiegelt sich in ihren wunderschönen Augen wider, als sie auf mich zugerannt kommt. „Die Bahn! Die Bahn kommt!“, immer und immer wieder. Ich reagiere schnell, stürze auf den schützenden Perron zu, getaucht in das Licht der heranrasenden U-Bahn. Sie streckt ihre Hand aus. Kreischende Bremsen. Schmerz.

Emmylou
Eine blutige Rose an der Tunnelwand. Sein linkes Bein ist unnatürlich verdreht, der linke Fuss nur noch schwer auszumachen. Ich ziehe ihn auf den Bahnsteig, als andere Leute mir zur Hilfe eilen. Jemand fragt nach meinem Namen. Atmet er? Sein Puls ist instabil. Kalte Tränen auf meiner Wange. Als dann die Sanitäter eintreffen, werde ich zur Seite gestossen, sie heben ihn auf eine Bare, schnallen ihn fest. Die unterirdischen Gänge entlang, ich folge ihnen, sie sprechen kein Wort. Da steht die Ambulanz. Ich sehe seine dunklen Locken im Wagen verschwinden, dann schliessen sie die Tür. Mit Blaulicht und Sirene biegt der Wagen auf die Strasse ein.

Iyan
Ein Moment der Ruhe, der Ahnungslosigkeit. Dann kommt die Erinnerung und mit ihr der Schmerz. Das Graffiti, der Zug, das Mädchen. Ich hatte die Zeit vergessen, war zu sehr in das Bild der weissen Rose vertieft gewesen, als der Zug kam. Ohne sie wäre ich mit ziemlicher Sicherheit tot. Mein gesamter Körper ist taub. Vermutlich habe ich mir alle Rippen gebrochen und bin jetzt von Kopf bis Fuss eingegipst. Der Nebel in meinem Kopf lichtet sich allmählich, als die Türe zu meinem Zimmer geöffnet wird und ein Arzt den Raum betritt. Er sagt, ich sei eher wieder aufgewacht als erwartet und er freue sich, dass es mir besser gehe, dann überprüft er ein paar Messwerte und verlässt das Zimmer mit den Worten, dass jemand mich gerne sehen würde.

Sie betritt das Zimmer schweigend, dunkle Ringe unter den Augen, doch die Sterne darin leuchten wie eh und je. „Danke“, sage ich, zu mehr bin ich nicht imstande.

Emmylou
Ich habe so viele Fragen, doch keine ist jetzt von grosser Wichtigkeit. Er wird auch welche haben, also lese ich sie an seinen Augen ab. „Emmylou“, antworte ich und lege meine Lippen auf seine.

Ende (29.11.2022)

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